Christus, der “Anti-Ring” (1. Joh 5, 11-13)

Wir Christen reden immerzu vom “Ewigen Leben”. Aber bisweilen habe ich das Gefühl, dass wir selbst nicht so genau wissen, was wir damit meinen. Deshalb heute Überlegungen zu der Frage: Wie kann man den Begriff “Ewiges Leben” heute deuten?

Im “Herrn der Ringe” gibt es diesen Zauberring. Dieser Ring ist die Inkarnation des Bösen. Wer den Ring hat, wird selbst immer mehr zum Bösen, zum Schatten, zur Finsternis. Keine Macht der Welt kann dem Ring auf Dauer widerstehen. Zwar macht der Ring den Träger zunächst mächtig, aber er zerstört die zwischenmenschlichen (okay: zwischen-hobbitischen) Bindungen, er isoliert seinen Träger immer mehr und füllt ihn mit Hass. Er tötet seinen Träger, obwohl dieser Träger weiterlebt und nicht einmal älter wird. Wer den Ring hat, hat den Tod.*

Wenn ich mich umsehe, dann finde ich, dass Tolkien damit etwas beschrieben hat, das es wirklich gibt: Es gibt Dinge, die uns Menschen böse machen, uns verführen, die uns gleichzeitig isolieren und zwischenmenschliche Bindungen zerstören: Anfang des 20. Jahrhunderst war es die Idee, dass der Mensch sich durch Fortschritt selbst erlösen könne (und der in den Weltkriegen endete); seit der Mitte des 20. Jahrhunderts ist es der Glaube, Konsum sei um seiner selbst willen erstrebenswert (der uns u.a. den Treibhauseffekt beschert); heute ist es vielleicht die Virtualisierung des Lebens, wie sie z.B. in World of Warcraft und anderen Online-Welten stattfindet. An sich sind Fortschritt, Konsum und WoW toll. Sie eröffnen uns Menschen ganz neue Möglichkeiten. Aber sie höhlen uns dabei aus und verdunkeln unseren Blick auf die Menschen um uns herum. Es besteht die Gefahr, dass wir das echte Leben über diese Dinge vergessen.

Wie ich schon sagte: Viele Probleme, die wir heute haben, haben auch schon die Menschen vor 2000 Jahren umgetrieben. So auch die Erfahrung, dass es Dinge/Ideen gibt, die das Leben fördern und Dinge/Ideen, die das Leben zerstören. Die Verfasser des 1.Johannes-Briefes berichten nun nicht (wie Tolkien) davon, was das Leben zerstört, sondern davon, was ihrer Erfahrung nach das Leben fördert. Sie beschreiben quasi einen “Anti-Ring”, der nicht zum Bösen, sondern zum Guten verführen will:

(11) Und das ist das Zeugnis, dass uns Gott das ewige Leben gegeben hat, und dieses Leben ist in seinem Sohn. (12) Wer den Sohn hat, der hat das Leben; wer den Sohn Gottes nicht hat, der hat das Leben nicht. (13) Das habe ich euch geschrieben, damit ihr wisst, dass ihr das ewige Leben habt, die ihr glaubt an den Namen des Sohnes Gottes.

(1. Johannes-Brief 5, 11-13)

“Wer den Sohn hat, der hat das Leben”: Eine ganz analoge Formulierung zu “Wer den Ring hat, der hat den Tod”. Genauso wie der Ring unendlich böse ist, so ist “der Sohn” (also Christus) unendlich gut, er gibt “ewiges Leben”. Hier muss man gar nicht an ein Leben nach dem Tod denken. “Ewiges Leben” bedeutet auch: Erfüllung des Lebens, das wir heute führen. Viele weitere Formulierungen über den Ring lassen sich ebenso umformen und übertragen: Der Ring isoliert, “der Sohn” integriert. Der Ring bedeutet Hass, “der Sohn” bedeutet Liebe usw.

Der vorliegende Text aus dem Johannes-Brief bleibt dabei leider etwas unkonkret, er sagt nicht, was “der Sohn” eigentlich ist. (Man kann ja auch nicht alles in drei Versen sagen.) Die konkrete “Füllung” des Begriffs mit Inhalt muss an anderer Stelle erfolgen. Aber neugierig machen wollen die Autoren. Sie berichten von einer Erfahrung die ihr Leben so bereichert hat, dass sie es als “ewiges Leben” bezeichnen. Sie behaupten, den “Anti-Ring” zu besitzen. Wer konkret wissen will, worin er besteht, der kann ja fragen. (Okay, vielleicht heute nicht mehr die Verfasser des Johannes-Briefs; aber Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben.)

Notwendiger Nachsatz: Die bösen Christen…

Fast schon notwendigerweise kommt immer, wenn man davon spricht, dass Christus als Synonym für Liebe / das Gute / Bereicherung des Lebens steht, der Einwand, dass die Kirche doch so viel Böses getan hat / tut. Es kommen Argumente wie das Kondom-Verbot des Papstes, das Unterdrücken von Gewerkschaften bei kirchlichen Arbeitgebern, die Intoleranz dieses oder jenes Kirchenmitglieds, das man kennengelernt hat.

Viele dieser Einwände sind wahrscheinlich berechtigt. Christen tun Böses. Kein Christ kann als ideales Beispiel dafür herhalten, wie Christus das Leben bereichert. Aber auch hier hilft uns die Analogie zum “Ring” weiter: Frodo, der Ringträger im “Herrn der Ringe”, ist durchaus in der Lage, Gutes zu tun (also Dinge, die der Intention des Rings widersprechen). Dennoch bleibt der Ring als solcher böse und verführt ihn zum Bösen.

Analog ist es mit Christus: Obwohl er zum Guten “verführt”, sind wir Menschen in der Lage, seinen Intentionen entgegen zu handeln. Wir tun Böses. Aber das ändert nichts daran, dass uns “der Sohn” eine Idee davon gibt, was das Gute ist (ebenso wie der Ring eine Idee davon gibt, was das Böse ist). Niemand wird den Ring für gut halten, nur weil Frodo Gutes tut. Ebenso sollte man nicht Christus für böse halten, nur weil Christen böses tun.

(*) Der “Herr der Ringe” wird hier noch häufiger Erwähnung finden. J.R.R. Tolkien (ein Freund des evangelikalen Autors C.S. Lewis he, he, he…) greift in seinen Büchern viele christliche Motive auf und übernimmt sie, auch wenn viele seiner heutigen Leser das vielleicht nicht wahr haben wollen.

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